Unternehmensgeschichte mal anders

Unternehmensgeschichte als Roman

Ein Essay von Jelena Mitsiadis

„Au Bonheur des Dames“

Vor rund 140 Jahren (1883) veröffentlichte der bekannte französische Schriftsteller Émile Zola seinen Roman „Au Bonheur des Dames“ (zu Deutsch „Das Paradies der Damen“). In dem Roman handelt es sich in erster Linie um das Epos rund um das erste Warenhaus der Geschichte und den damit verbundenen Untergang der kleinen Einzelhändler. Das Kaufhaus „Au Bonheur des Dames“ steht stellvertretend für die im Zweiten Kaiserreich entstehenden Warenhäuser, die gleichzeitig ein Abbild der sich wandelnden Gesellschaft darstellen: Die ersten Schnäppchen, die bei der Kundschaft einen Kaufrausch hervorrufen und süchtig machen, verheißen den Beginn der Konsumgesellschaft, wie wir sie heute kennen und leben.

Émile Zola – Romancier und Unternehmenshistoriker

Am Beispiel des Bon Marché (gegründet 1852) sowie der Grands Magasins du Louvre (gegründet 1855), die er selbst frequentierte, zeichnete Zola nicht nur den Zeitgeist des Kaufhäuser-Booms nach, sondern beschrieb auch minuziös die Strategien der erfolgreichen Geschäftsmänner und der leitenden Verkäuferinnen und Verkäufer, indem er zahlreiche Gespräche mit ihnen führte. Zudem studierte er Verkaufstheorie und beschäftigte sich mit Verkaufsbüchern, dem Marketing (dieser inkludierte neben kleinen Geschenken für die Kundschaft den Versand der Ware zu den Kundinnen nach Hause), mit den Preisen, der Personalstruktur etc..  Ohne diese Informationen hätte der Autor eine seiner Hauptfiguren niemals erschaffen können: Octave Mouret, der Inhaber des Kaufhauses, hatte es von einem einfachen Tuchverkäufer bis in die gehobene Pariser Gesellschaft geschafft. Seine brillanten Ideen und sein scharfer Geschäftssinn verleihen ihm etwas Charismatisches und Faszinierendes, aber gleichzeitig auch sehr Authentisches, womit er als Sinnbild des erfolgreichen Self-Made-Geschäftsmannes im Zweiten Kaiserreich steht. Er verkörpert die neu aufgestiegene Schicht, das so genannte Wirtschaftsbürgertum, das auch auf der Seite der Kundschaft zu finden ist. Es ist die Bourgeoisie, die gerne und in der Öffentlichkeit konsumiert und die sich einen Spaß daraus macht, nach Schnäppchen zu jagen.     

Die zweite Hauptfigur des Romans neben Octave Mouret ist Denise, eine junge Frau aus der Provinz, die sich als Verkäuferin im Au Bonheur des Dames ihren Lebenstraum erfüllen möchte. Dieser birgt jedoch zwei Komponenten: Sie möchte sich beruflich weiterentwickeln und fühlt sich auf ihrer neuen Arbeit sehr wohl, sie entwickelt eigene Ideen und ist ehrgeizig. Allerdings ist sie gegen den Charme ihres Chefs, Monsieur Mouret, nicht immun und träumt heimlich davon, eines Tages mit ihm zusammen zu sein. Auch Mouret empfindet für Denise mehr, als er sich zunächst eingestehen möchte. Aber es wäre kein Roman, wenn die Dinge so einfach wären. Die zahlreichen Dialoge machen die Handlung spannend und die Leser können sich sehr gut in die Figuren hineinversetzen.

Mit dem Geschick eines wahren Meisters seines Fachs illustriert Zola anhand seiner Figuren und ihrer Lebensgeschichten die Umbrüche seiner Epoche: Der Beruf der Warenhausverkäuferin bietet nämlich der Frau andere Möglichkeiten als bisher. Einerseits gibt ihr der Beruf als Verkäuferin eine gewisse Unabhängigkeit und ein anderes Ansehen (vielleicht auch eine neue Art von Erfüllung), andererseits werden Frauen auch als Kundinnen, als Zielgruppe plötzlich interessant. Während bis dato die Frau in der Gesellschaft eigentlich keine Rolle spielte und immer in Begleitung ihres Ehemannes erscheinen sollte, fingen die Damen der höheren Gesellschaft an, alleine einkaufen zu gehen und damit eigene Entscheidungen zu treffen. Beide Aspekte deuten auf den Beginn eines Weges hin, der die Frauen in die Emanzipation führen soll.

Schließlich wird in diesem historisch hochinteressanten Roman die Transformation der Städte thematisiert. Durch die neue Art des Einkaufens sowie durch das von der Bourgeoisie prägenden Lebens auf den Straßen, aber auch durch die in dieser Zeit etablierten Weltausstellungen, veränderte sich Paris immens und wurde schließlich zu einer Modemetropole.

Der Roman von heute und von morgen

Dem Autor eines Romans von heute würde Jeff Bezos als perfekte Inspiration für den Protagonisten dienen, denn er hatte als Erster die Idee des Online-Verkaufs. Mit dem Verkauf von Büchern angefangen, hat Bezos‘ Unternehmen nicht nur ihn zu einem der reichsten Männer der Welt gemacht, sondern auch das Konsumverhalten generell auf den Kopf gestellt. Einkaufen per Knopfdruck ist für unsere Gesellschaft so bezeichnend wie die Digitalisierung selbst. Die Strategie des Geschäftsmannes Bezos beruht allerdings darauf, dass er als Verkäufer besonderes Geschick braucht. Es war nur eine Idee, aus der er ein System entwickelt hat, das „für ihn arbeitet“: Die Arbeit erledigt sich von selbst während er auf seiner Yacht sitzt. Davon hätte sich Mouret niemals zu träumen gewagt.

Und die Kundschaft? Unsichtbar, aber berechenbar. Durch die Algorithmen wird jedes Verhalten eines jeden Käufers/einer jeden Käuferin aufgezeichnet und verarbeitet, so dass für die nächsten Einkäufe bereits vorhersehbar ist, wie sich die einzelnen Personen verhalten werden.

Der nächste Schritt ist nicht weit: Eine Künstliche Intelligenz könnte nicht nur der Mouret oder Bezos von morgen sein, sondern könnte auch das Kaufverhalten der Menschen noch perfekter manipulieren, als sie dies ohnehin bereits tut. Sie ist auf dem besten Wege uns Menschen aufzuzeigen, was wir Menschen begehren. Aber ist es so viel anders als in der Zeit von Zola? Früher wurde die Ware in Schaufenstern ausgestellt und Begehrlichkeiten wurden geweckt. Heute ist es die Werbung auf unseren Bildschirmen, die uns zeigt, was wir begehren sollten, was Mode ist.

Das Wichtige ist aber: Der Mensch entscheidet immer noch selbst.

Dennoch stellen sich folgende Fragen: Wie wird es in der Zukunft sein? Wird der Mensch überhaupt in der Lage sein, selbst Entscheidungen zu treffen − oder werden wir alle unmündig gemacht durch die KI, so wie die Frauen durch die Männer in der Zeit von Zola? Wer wird die Wirtschaft und die Unternehmen von morgen prägen? Einen Roman zu diesen Fragen zu schreiben, würde eindeutig an Science Fiction grenzen, der wir als Gesellschaft jedoch bereits sehr nahe gekommen sind.

Hat dieser Beitrag eine Frage bei Ihnen geweckt?

Schreiben Sie uns - wir freuen uns auf Ihre Gedanken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner