Holocaust Memorial Korfu – Plateia Solomou (Solomos-Platz), jüdisches Viertel Evraiki, Korfu-Stadt. Bildhauer: Georgios Karahalios, 2001.
Ein Text von Jelena Mitsiadis, Korfu, 29.07.2026
Manche Orte findet man nicht, weil man nach ihnen gesucht hat. Man stolpert über sie – buchstäblich, zwischen Café-Tischen und Sonnenschirmen, an einer Ecke in der Altstadt von Korfu, wo eigentlich der Urlaub im Vordergrund steht.
Genau das ist uns passiert. Zwischen pastellfarbenen Fassaden, geöffneten Fensterläden und dem ganz normalen Trubel eines Sommertages stehen sie plötzlich da: eine bronzene Familie. Ein Mann, eine Frau, zwei Kinder. Auf einem Sockel aus grob behauenem Stein, umgeben von Kieseln, die Besucherinnen und Besucher dort niedergelegt haben – eine stille Geste der Erinnerung, wie man sie von jüdischen Gräbern kennt.
Die Inschrift erklärt, was man auf den ersten Blick nicht ahnt: Das Denkmal erinnert an die rund 2.000 jüdischen Bürgerinnen und Bürger Korfus, die 1944 in den nationalsozialistischen Lagern Auschwitz und Birkenau ermordet wurden. Errichtet wurde es 2001, gemeinsam von der Stadt Korfu und der jüdischen Gemeinde – zwei Institutionen, die sich sichtbar und dauerhaft zu ihrer gemeinsamen Geschichte bekennen, mitten im Alltag, mitten unter den Restaurants und Boutiquen.
Warum mich das nicht losgelassen hat
Was mich an diesem Moment berührt hat, war nicht nur die Statue selbst, sondern der Ort. Kein abgelegenes Mahnmal am Stadtrand, keine musealisierte, distanzierte Gedenkstätte – sondern mitten im Leben. Zwischen Kaffeetassen und Urlaubsgesprächen steht diese Familie und erinnert daran, dass Geschichte nicht dort endet, wo es bequem ist.
Und genau da schließt sich für mich der Kreis zu meiner eigenen Arbeit: der Beschäftigung mit Unternehmensgeschichte.
Auch Unternehmen haben Geschichten, die unbequem sind. Brüche, Verstrickungen, Kapitel, über die man lieber nicht spricht – sei es aus der NS-Zeit, aus Krisenjahren, aus gescheiterten Entscheidungen oder aus dem Umgang mit Mitarbeitenden in schwierigen Phasen. Die Versuchung ist oft groß, solche Kapitel zu glätten, zu verschweigen oder in einer Randnotiz verschwinden zu lassen. Erinnerung kostet schließlich etwas: Mut, Ressourcen, manchmal auch Unbequemlichkeit gegenüber der eigenen Belegschaft oder Öffentlichkeit.
Die Statue in Korfu zeigt, dass es auch anders geht. Sie steht nicht versteckt in einem Archiv. Sie steht dort, wo Menschen ohnehin vorbeikommen – und macht Erinnerung so zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags, nicht zu einer Pflichtübung.
Was ich mir für Unternehmen wünsche
Ich wünsche mir, dass Unternehmen ihre Geschichte mit derselben Selbstverständlichkeit sichtbar machen – nicht nur die glanzvollen Erfolgsgeschichten, Jubiläen und Meilensteine, sondern auch die Kapitel, die schwerer wiegen. Nicht als PR-Übung, sondern als echtes Stehen zur eigenen Vergangenheit.
Das bedeutet: Verantwortung übernehmen, wo Verantwortung liegt. Aufarbeitung ermöglichen, statt sie zu verhindern. Und vor allem: den Mut haben, Erinnerung nicht zu verstecken, sondern sie – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn – mitten in den eigenen Alltag zu stellen.
Denn ein Unternehmen, das zu seiner ganzen Geschichte steht, gewinnt etwas, das sich schwer erkaufen lässt: Glaubwürdigkeit. Genauso wie eine Stadt, die mitten in ihrer Altstadt einem Denkmal Platz einräumt, das an Verlust und Schuld erinnert – nicht, weil es leicht ist, sondern weil es richtig ist.
„Nie wieder – für kein Volk“, steht auf der Tafel neben der Statue. Ein Satz, der weit über Korfu hinausweist. Und der mich daran erinnert, warum die Arbeit an Unternehmensgeschichte mehr ist als das Sammeln von Fakten: Sie ist ein Akt des Hinsehens und Einstehens.
